Glosse

Gestalten kann Jeder
31. August 2009 | Glosse | | diesen Artikel drucken

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Oder: „Ich hab ja keine Ahnung von Design, aber…“

Eine Glosse mit Gewinnspiel von Reinhard Helfert

Samstag 23:45 Uhr, die Party schleppt sich so dahin. Seit ca. einer halben Stunde versuche ich meinem Gegenüber am runden Stehtisch mein berufliches Tätigkeitsfeld als Kommunikationsdesigner begreifbar zu machen. Und irgendwann kommt dann der gefürchtete Kommentar: „Ich finde, Design ist einfach nur Geschmacksache.“ – Noch bevor dieser Satz im Äther verhallt, platzt mir der Kragen: „Nein, ist es nicht!“ brülle ich und laufe innerlich zeternd davon.

Versetzen Sie sich doch einfach mal kurz in meine Lage und schon wird Ihnen das gesamte Ausmaß der Misere klar: Stellen Sie sich vor, Sie müssten mit einem farbenblinden Vorstandsvorsitzenden, dem seine Frau morgens die passende Krawatte rauslegt, über die neue Hausfarbe seines Unternehmens diskutieren? Wissen Sie wie mühsam das ist? Versuchen Sie ´mal, einem Journalisten, der als Leiter der Unternehmenskommunikation eingestellt wurde, zu erklären, dass eine Imagebroschüre keine Tageszeitung ist und nicht jeder Quadratzentimeter mit Text zugekleistert werden sollte! Der weiß gar nicht wovon Sie reden. Oder kennen Sie die Situation, von einer Zwischenpräsentation beim Kunden zurückzukommen und Ihren geschätzten Kollegen klarmachen zu müssen, dass der Kunde zwar toootaaal begeistert war von den Layouts… – aber dass er jetzt plötzlich alles ganz anders will?

Ja, manchmal wundert man sich schon ein wenig, mit welchen Argumenten sich manche Kunden über Ihr eigenes Briefing hinwegsetzen und welche Entscheidungsgrundlagen dann angewendet werden: „Nehmen wir doch gelb, mein BMW ist auch gelb. Gelb ist eine schöne Farbe“ oder „Ich kenn mich mit Farben nicht aus, aber meine Frau, die mag ja mehr so Naturtöne.“

Verstehen Sie jetzt, dass man als Designer häufig an den Rand der Verzweiflung gebracht wird? Da hat man für ein innovatives Hightech-Unternehmen ein kühles, seriöses Farbklima entwickelt, das zum Produkt und Unternehmensimage passt, und dann kommt so was.

„Ich hab da einen Bekannten, der kann toll zeichnen und der hat gesagt…“ oder „Mein Sohn hat gerade eine Homepage bei SchülerVZ gebastelt, und die sieht toll aus. Können Sie das nicht auch so ähnlich machen?…“ Da fragt man sich doch wirklich ernsthaft, was dieser Auftraggeber von einem denkt und will.

Geht es nach der Meinung einer nicht unerheblichen Anzahl an Zeitgenossen, ist Gestalten heute ja ganz einfach. Word, Powerpoint oder ganz neu: der Publisher  – was braucht man mehr? Das kann doch wohl jeder, oder? Das ist ungefähr so als würde sich jeder, der schon einmal sein Auto betankt hat, zum Chefeinkäufer eines internationalen Chemiekonzerns berufen fühlen. Ich habe zum Beispiel schon einmal ein Programm downgeloadet, und tue ich jetzt so als sei ich Bill Gates?

Ja wirklich, manchmal wünsche ich mir, ich wäre Architekt oder Statiker und könne meinen Kunden einfach sagen: „dieser Pfeiler muss sein, sonst stürzt das gesamte Gebäude in sich zusammen.“ Denn, glauben Sie mir, bei einem durchkonzipierten und konsequenten Designprojekt verhält sich das ähnlich, nur dass von einer schlecht gestalteten Broschüre niemand erschlagen wird (aber weh tut es trotzdem – mir jedenfalls).

Oh nein, ich will Ihnen mit meinen Ausführungen wirklich nicht auf den Schlips treten. Sie gehören ja zu unseren Lieblingskunden und sind natürlich mit dieser Glosse nicht gemeint. Also jetzt bitte nicht eingeschnappt sein. Stattdessen könnten Sie ja vielleicht eine eigene Glosse verfassen, in der Sie so richtig über uns Designer herziehen… und vielleicht veröffentlichen wir diese ja in unserem nächsten Newsletter als „Kundenglosse“?!

Oder schreiben Sie einfach einen Kommentar und nehmen Sie an unserer Verlosung teil. Zu gewinnen gibt es diesmal ein T-Shirt mit der Aufschrift „magenta Designprofi“.


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6 Kommentare



….also irgendwie habt Ihr entweder nur komische Kunden ( und im übrigen kenne ich keine farbenblinden VV’s!:) ) oder aber Ihr müßt die Kommunikation verbessern :) :) !! Ist schon schlimm, wenn man seinen Kunde nix mehr verkaufen kann – stell mir das wie beim Metzger vor: da steht einer vor der Theke und der Metzger hat ein Problem, sein Fleisch loszuwerden, nur weil der davor offensichtlich Aufgschnitt will!
Armer Kerl! Hättest halt doch “was anständiges lernen sollen…..”!:):):):):):):)
Abe im Ernst – vielleicht brauchst nen Retorikkurs??:):):):) Hoffe aber, dass es ansonsten gut geht!!
Liebe Grüße
(von anderen)
Reinhardt

Kommentar vom 2. September 2009, 17:34

Da hat Reinhard definitiv recht und das hat nichts mit falschem Verkaufen zu tun. Die Vorstellungen eines Designers und des Kunden sind halt nicht immer gleich. Da nutzt es auch nichts ein Design zu verkaufen. Wenn ich als Kunde Aufschnitt möchte und dies sage, dann bekomme ich es i.d.R. auch – egal wie gut der Schinken schmeckt. Unterm Strich ist Design jedoch immer Geschmackssache, bei dem eben nichts wirklich einstürzt, wenn man etwas verändert.

Kommentar vom 8. September 2009, 12:52

Hmm, klar bekomme ich Aufschnitt, wenn ich unbedingt den Aufschnitt haben will. Aber ich würde den Metzger wechseln, wenn der mir nicht sagen würde, dass der frische, leckere Schinken doch sehr viel besser geeignet wäre, um z.B. bei einem romantischen Candle-Light-Dinner meine zukünftige Frau zu beeindrucken. Ich glaube, da hätte ich mit meinem alten, langweiligen Aufschnitt bestimmt geringere Chancen, oder?
Vielleicht stürzt bei schlechter Gestaltung nichts ein – den Magen kann man sich aber auf alle Fälle verderben…

Kommentar vom 22. September 2009, 16:00

mittlerweile sehe ich das ganz emotionslos.
wer schlechtes design fordert, sollte es auch bekommen.
zu einem höheren preis natürlich, weil hinter jedem schlechten design im kern gut versteckt etwas ordentliches stecken sollte – vom kunden bis zur unkenntlichkeit verhunzt.
kunde glücklich – kasse klingelt … nur schade, dass wieder nichts für die referenzen dabei ist …

Kommentar vom 22. September 2009, 16:38

Kommt ein Mann zum Herrenausstatter und sagt: “morgen habe ich ein Vorstellungsgespräch für einen Abteilungsleiterposten. Was soll ich anziehen?” Der Berater zeigt ihm diverse Anzüge mit passenden Hemden, Krawatten und Schuhen – von elegant bis leger. Nach zwei Stunden fragt der Kunde: Haben Sie nicht vielleicht einen violetten ballonseidenen Jogginganzug, weiße Frottee-Socken und Adiletten? – das trag´ ich am liebsten.” …

Ja, es geht hier nicht um die Wurst. Kommunikationsdesign hat eine Aufgabe zu erfüllen. Jeder kennt doch das Beispiel vom Angler und dem Fisch… und wem die Wurst – ähhh, der Köder – schmecken muss.

Es ist doch wirklich ein Unterschied, ob man Hartz IV beantragt oder ob man zu ein Vorstellungsgespräch für einen Abteilungsleiterposten geht, oder???

Kommentar vom 23. September 2009, 11:35

Wenn man es nich kann, …sollte man’s bleiben lassen!

HH

Kommentar vom 23. September 2009, 14:35

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